{"id":100,"date":"2020-05-27T11:20:26","date_gmt":"2020-05-27T09:20:26","guid":{"rendered":"https:\/\/kunstraum-tosterglope.de\/hoerproben\/?page_id=100"},"modified":"2020-05-27T11:20:27","modified_gmt":"2020-05-27T09:20:27","slug":"aufmerken","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kunstraum-tosterglope.de\/hoerproben\/aufmerken\/","title":{"rendered":"Aufmerken"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eVielleicht muss der Sinn nicht blo\u00df Sinn machen (\u2026), sondern \u00fcberdies klingen.\u201c<br>Jean-Luc Nancy: Zum Geh\u00f6r, 2014, S. 14.<\/p>\n\n\n\n<p>Anhalten\/Innehalten \u2013 das ist, so paradox es klingen mag eine der positiven Nebenwirkungen im Fr\u00fchjahr 2020. In dem Jahr, in dem uns ein Virus zu maximaler Beschleunigung im Digitalen, bei gleichzeitig maximaler Entschleunigung im Lebensweltlichen zwingt. Der Gang zu Fu\u00df im Freien wird zum Ausweg, zum existenziellen Akt ohne Ziel und nur sich selbst gen\u00fcgend. Es geht nicht mehr irgendwohin, sondern nur ums Gehen an sich, Hauptsache raus.<br>In unbewusster Ziellosigkeit erfahren wir pl\u00f6tzlich etwas, was ganz charakteristisch f\u00fcr eine zentrale Strategie der Klangkunst ist: Das Hin- und Zuh\u00f6ren dessen, was uns in den allt\u00e4glichen Wahrnehmungsroutinen, die auf ein pragmatisches Abscannen von Situationen ausgerichtet ist, abhandengekommen ist.<br>In seinem Buch \u201eZum Geh\u00f6r\u201c stellt Jean-Luc Nancy n\u00fcchtern fest, dass wir schon l\u00e4ngst in einer Kultur leben, in der das Erkennen und Wiedererkennen von Formen dominiert. Eine Kultur also, in der es prim\u00e4r um das schnelle Decodieren von Informationen geht und die sich nicht mehr die Zeit nimmt, um etwas zu bemerken, um aufzumerken.<br>Was aber \u00e4ndert sich, wenn wir im eigentlichen Sinne zuh\u00f6ren, horchen, lauschen? Was erscheint, wenn nicht die Botschaft, sondern eher die Klanglichkeit an sich vernommen wird, wenn wir einer Stimme, einem Ger\u00e4usch oder Sound um ihrer selbst willen lauschen?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausstellung mit Studierenden und Meistersch\u00fcler\/innen von Ulrich Eller (HBK Braunschweig) sowie ehemaligen Stipendiaten des Braunschweig Projects versammelt zeitgen\u00f6ssische Positionen der Klangkunst, die sich mit der Pr\u00e4senz von Kl\u00e4ngen und Ger\u00e4uschen aller Art befassen und audio-\u00e4sthetische Erfahrungen thematisieren. In der k\u00fcnstlerischen Umsetzung des Wahrnehmens, Erkundens, Dokumentierens und Erforschens von Klang kann sich Aufmerksamkeit f\u00fcr die Resonanz des H\u00f6rens \u00f6ffnen. Was wir h\u00f6rend vernehmen oder allzu oft \u00fcberh\u00f6ren, wird hier zum k\u00fcnstlerischen Material. Die material\u00e4sthetischen Aspekte des Klangs bilden den Ausgangspunkt f\u00fcr \u00e4sthetische Strategien und k\u00fcnstlerische Gestaltungsprozesse zwischen bildender Kunst und Musik.<br>Dabei taucht trotz sehr unterschiedlicher Umgangsweisen mit Kl\u00e4ngen immer wieder ein zentraler Aspekt in den Arbeiten der K\u00fcnstler\/innen auf: das akustische Ereignis. Mal ist es die akustische Realit\u00e4t oder ein gefundenes auditives Ereignis, das eingefangen und zum Ausgangspunkt einer k\u00fcnstlerischen Klangarbeit werden kann. Mal ist es die gezielte Erzeugung eines akustischen Ereignisses, die beispielsweise durch eine Handlung provoziert, durch den Mechanismus einer Apparatur ausgel\u00f6st oder einen digitalen Algorithmus bewirkt wird.<br>Auf diese Weise verweben sich vielf\u00e4ltige Erscheinungsformen des Klanglichen, die in ihren r\u00e4umlichen, kulturellen, zeitlichen Bedingungen und individuellen Wahrnehmungen auf k\u00fcnstlerische Weise gestaltet und so f\u00fcr andere erfahrbar werden. Die \u00dcberg\u00e4nge zwischen sinnhafter Sinnlichkeit und einem Sinn, der sich dem Sinn verweigert, weil es ihm nur ums Klingen geht, sind dabei durchaus intendiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Kerstin Hallmann<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eVielleicht muss der Sinn nicht blo\u00df Sinn machen (\u2026), sondern \u00fcberdies klingen.\u201cJean-Luc Nancy: Zum Geh\u00f6r, 2014, S. 14. 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