{"id":102,"date":"2020-05-27T11:21:38","date_gmt":"2020-05-27T09:21:38","guid":{"rendered":"https:\/\/kunstraum-tosterglope.de\/hoerproben\/?page_id=102"},"modified":"2020-05-27T11:21:39","modified_gmt":"2020-05-27T09:21:39","slug":"dachschaden","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kunstraum-tosterglope.de\/hoerproben\/dachschaden\/","title":{"rendered":"Dachschaden"},"content":{"rendered":"\n<p>In meiner Jugend, als ich ungef\u00e4hr 19 Jahre alt war, besuchte ich die Kunsthalle in Kiel. Da ich am Rande von Europa, also in Dithmarschen und daher auch beinahe exakt geografisch am gegen\u00fcberliegenden Rand von Schleswigholstein aufwuchs, jedenfalls aus der Perspektive von Kielern, und die Kunsthalle der au\u00dferordentlichste Ort f\u00fcr Gegenwartskunst in Schleswig-Holstein war, erhoffte ich mir eine Erweiterung meiner irrational abseitig l\u00e4ndlichen Perspektive durch einen Besuch. Mein Ziel war eine umfassende Pr\u00e4sentation von kuratierten Einzelpositionen der Pop Art, es kann aber auch eine Andy Warhol Ausstellung gewesen sein, sofern ich mich richtig erinnere.<\/p>\n\n\n\n<p>Sofort nach Betreten der Ausstellung und in gro\u00dfer Erwartung Originale sehen zu k\u00f6nnen kulminierte meine ganze Aufmerksamkeit allerdings auf eine Anordnung von unterschiedlichen Eimern, die locker verteilt auf dem Boden des gro\u00dfen Ausstellungsraumes standen. Sie befanden sich in dieser Anordnung um das durch die Decke tropfende Regenwasser aufzufangen, was mir aber erst sp\u00e4ter klar wurde. Anf\u00e4nglich war das Szenario in meiner Wahrnehmung keineswegs bestimmt durch einen Dachschaden und die Pr\u00e4vention eines Hausmeisters, sondern durch den auratischen Moment des musealen Kontextes und des Klangs. F\u00fcr mich war dies eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Situation, die mich fesselte und die zuf\u00e4llige Vielf\u00e4ltigkeit der Eimer in ihren Ausf\u00fchrungen ein weiterer Beleg f\u00fcr die Annahme einer k\u00fcnstlerischen Intervention. Dazu kam das \u00e4u\u00dferst unterhaltsame akustische Geschehnis der tropfenden Decke, das Spiel der fallenden Tropfen aus gro\u00dfer H\u00f6he, denn es regnete drau\u00dfen gerade in Str\u00f6men und die Art der h\u00f6rbaren Durchl\u00e4ssigkeit des Daches produzierte ein f\u00fcr meine Ohren bezauberndes Konzert von unterschiedlich schnellen akustischen Impulsen und einer gro\u00dfen Bandbreite resonierender Eimer in diversen Tonh\u00f6hen und Rhythmen. Noch nie hatte ich einen solchen konzertanten Moment erfahren, so realit\u00e4tsnah an der Substanz eines Bauwerks. Ich verstand das Ganze als eine geniale Inszenierung von architektonischen Materialger\u00e4uschen, hier bestimmt durch die Situation unter den Bedingungen der Architektur, des musealen Raums und dem Eigenleben des Fl\u00fcssigen, des Wassers, mit seinen akustischen Aggregatzust\u00e4nden. Meine Begeisterung war gro\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf meine Frage an das Aufsichtspersonal, wer denn die vollen Eimer ausleert und ob dem Ganzen ein komponierter Ablauf zugrunde l\u00e4ge, ergab allerdings sehr schnell und eindeutig, dass nur das Dach der Kunsthalle defekt war und die Eimer den Wasserschaden begrenzten.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute, fast 40 Jahre sp\u00e4ter habe ich Studenten, die mit dieser Strategie Kunst machen. Und das beruhigt mich sehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Ulrich Eller<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In meiner Jugend, als ich ungef\u00e4hr 19 Jahre alt war, besuchte ich die Kunsthalle in Kiel. 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