{"id":49,"date":"2020-05-21T10:33:04","date_gmt":"2020-05-21T08:33:04","guid":{"rendered":"https:\/\/kunstraum-tosterglope.de\/hoerproben\/?p=49"},"modified":"2021-01-14T14:27:25","modified_gmt":"2021-01-14T13:27:25","slug":"ingo-schulz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstraum-tosterglope.de\/hoerproben\/ingo-schulz\/","title":{"rendered":"Ingo Schulz"},"content":{"rendered":"\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Was ist eine Ausstellung in einer Galerie gegen die Gr\u00fcndung einer Galerie<\/p><cite>frei nach Brecht<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Urspr\u00fcnglich hatte ich f\u00fcr Tosterglope eine andere Option in Planung. Ankn\u00fcpfend an meine Arbeit \u201eWellenfeld\u201c (Klangst\u00e4tten 2017, Braunschweig) wollte ich den im Zentrum der Hofanlage von Tosterglope liegenden kleinen Gartenteich mit einer rein visuellen Arbeit bespielen. In Braunschweig hatte ich \u00fcber die gesamte Breite eines Teilst\u00fccks der Oker mitten in der Stadt, an einer viel befahrenen Stra\u00dfe mehrere hundert Meter Aquariumschlauch zum \u201eBel\u00fcften\u201c der Oker verlegt. Luftblasen riefen kreisrunde Wellenringe hervor. Die Freisetzung der Luftblasen erfolgte nach einem Zufallsprinzip und doch wirkte das Ergebnis fast komponiert, was der Tatsache geschuldet ist, dass wir immer auf der Suche nach Mustern, Rhythmen, Strukturen sind. So entstand ein Feld sich \u00fcberlagernder und durchdringender Wellenringe auf der Wasseroberfl\u00e4che der dunklen Oker. Eine stille Arbeit an einem hektischen Ort, die mit der Analogie zwischen optischen und akustischen Wellen und Wellenfeldern spielt. In Tosterglope hatte ich geplant, dem Gartenteich eine visuelle Form zu geben. Vorbild sollte die so genannte Chladnischen Klangfiguren sein. Hierbei handelt es sich um geometrische Figuren, die sich abh\u00e4ngig von der Frequenz einer schwingenden Oberfl\u00e4che bilden, zu beobachten wenn sich z.B. feiner Sand auf einer schwingenden Fl\u00e4che befindet, der sich durch Impulse zu kleinen D\u00fcnen auft\u00fcrmt. Dieses Ph\u00e4nomen habe ich in verschiedenen Versuchen f\u00fcr das Element Wasser untersucht. Hierf\u00fcr wird eine schwingende, transparente Kunststoffplatte ganz knapp unter der Wasseroberfl\u00e4che positioniert, um diese in Bewegung zu setzen. Durch Impulse mit hoher Frequenz wird das Wasser angeregt und es entstehen Mikro-Tsunamis, die Wellenberge und T\u00e4ler ausbilden. Die Corona bedingte Absage der Ausstellung in Tosterglope ist f\u00fcr mich Anlass grunds\u00e4tzlicher \u00fcber das Ausstellen nachzudenken. Auch weil ich seit l\u00e4ngerem einen eigenen Ausstellungsort plane: eine Galerie f\u00fcr k\u00fcnstlerisch-akustische Arbeiten und Beitr\u00e4ge. Ausgangspunkt ist eine ausrangierte Telefonzelle, die derzeit in der Peripherie meines Dorfes steht. Die Idee ist einen Ort zu schaffen, der sich ausdr\u00fccklich unterscheidet von dem tats\u00e4chlichen, geografischen Ort. Einen akustischen Ort f\u00fcr eine Person, einen Ort, der neue akustische Erfahrungen verspricht. Die ausrangierte Telefonzelle w\u00e4re mein zweiter bzw. Alternativvorschlag f\u00fcr die Ausstellung \u201eH\u00f6rproben\u201c gewesen. Sie sollte an einer Stra\u00dfengabelung mitten in Tosterglope aufgestellt werden. Hier sollte man eintreten und sich damit an einen Ort des puren H\u00f6rens begeben. Die akustischen Ereignisse in der Zelle sollten den Zuh\u00f6rer herausholen, buchst\u00e4blich weg von der Stra\u00dfe, weg von dieser Stra\u00dfe, hin zu einem anderen Ort, der weit entfernt von dieser Situation und weit entfernt von diesem Dorf liegt. Auf der anderen Seite des Ozeans zum Beispiel zu einer anderen Zeit. Die \u201eZelle f\u00fcr akustische Ereignisse\u201c muss ein Ort des Hinh\u00f6rens sein. Nicht eines distanzierten H\u00f6rens, das die rein kognitiven Bereiche des Gehirns anspricht, wie etwa beim Radioh\u00f6ren, wo es vornehmlich um \u00dcbermittlung von Informationen geht oder um Unterhaltung. Nein, es muss ein Ort des H\u00f6rens sein, der es erm\u00f6glicht das Vernommene in sich aufzunehmen. Ein Ort, der eine ganz individuelle, eigene Erfahrung erm\u00f6glicht. Ein Ort, an dem die Eintretenden akustischen Ereignisse erfahren, deren Wahrnehmung \u00fcber den reinen H\u00f6rsinn hinausgeht, eine Wahrnehmung die den ganzen Menschen erfasst. Diese akustische Immersion wird zum einen m\u00f6glich durch den Einsatz einer bestimmten Aufnahmetechnik des urspr\u00fcnglichen akustischen Signals: Zu h\u00f6ren sind binaural aufgezeichnete und editierte Originalkl\u00e4nge, die ich selbst mit Originalkopfmikrofonen \u2013 an anderen Orten, zu anderen Zeiten digital mitgeschnitten habe, in Chicago, New York, Hamburg und Berlin zum Beispiel. Hinzu kommt, dass die Klangwiedergabe in der Zelle neben Lautsprechern an der Decke auch den Einsatz von Excitern im Boden umfasst, so dass in dem geschlossenen Raum der Zelle ein komplexes akustisches Ereignis entsteht \u2013 eine akustische Immersion wie sie sonst nur in aufwendig ausgestatteten Kinos\u00e4len m\u00f6glich ist. Die \u201eZelle f\u00fcr akustische Ereignisse\u201c erm\u00f6glicht ein Eintauchen in eine andere Zeit und ein Auftauchen an einem anderen Ort, inmitten anderer Menschen und anderen Kulturen. Die Arbeit funktioniert wie eine Art Humboldt-Zelle \u2013 als akustische Reise und Zeitreise. Und das alles in einer unscheinbaren gl\u00e4sernen Zelle irgendwo am Stra\u00dfenrand in einem kleinen Dorf. Die \u201eZelle f\u00fcr akustische Ereignisse\u201c soll zudem zuk\u00fcnftig als Galerie auch Beitr\u00e4ge anderer K\u00fcnstler*innen pr\u00e4sentieren. Und sie ist als Prototyp und Beispiel f\u00fcr viele andere Zellen zu verstehen, die im Moment noch als B\u00fccherzellen benutzt werden. So w\u00fcrde ein weltweites Netz f\u00fcr akustische Reisen entstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ingo Schulz, Nieland \/ Meinersen, April 2020<\/p>\n\n\n\n<p>Ingo Schulz (*1962) absolvierte 1997 das Studium der Freie Kunst\/Bildhauerei an der Hochschule Hannover mit dem Schwerpunkt des Akustischen in der Bildenden Kunst.<br>Seit 2004 arbeitet und lehrt er als K\u00fcnstlerischer Mitarbeiter an der HBK Braunschweig. Er leite dort das Labor f\u00fcr Klangkunst und unterst\u00fctzt, neben anderen interdisziplin\u00e4r ausgerichteten Fachklassen der HBK, die Studierenden von Professor Ulrich Eller in der k\u00fcnstlerischen Forschung und bei ihren Projektvorhaben.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/npiece.com\/ingo-schulz\">https:\/\/npiece.com\/ingo-schulz<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist eine Ausstellung in einer Galerie gegen die Gr\u00fcndung einer Galerie frei nach Brecht Urspr\u00fcnglich hatte ich f\u00fcr Tosterglope eine andere Option in Planung. Ankn\u00fcpfend an meine Arbeit \u201eWellenfeld\u201c (Klangst\u00e4tten 2017, Braunschweig) wollte ich den im Zentrum der Hofanlage von Tosterglope liegenden kleinen Gartenteich mit einer rein visuellen Arbeit bespielen. 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